大みそかとお正月
Zum zweiten Mal in meinem Leben habe ich nun einen Jahreswechsel in einem fremden Land erlebt und im Großen und Ganzen war es ganz okay.
Da aber Christoph nicht da war, habe ich die Zeit mit Azusa und den Kindern verbracht. Silvester ist gewöhnlicherweise ein Fest der Familie und ich bin mir sicher, dass jede es ein wenig anders feiert, mit Silvestergirlanden und Konfetti und Sekt. Mein Silvester war allerdings etwas anders. Zum Abendessen gab es traditionell Soba, die man schön schlürfen muss und ja nicht abbeißen sollte, da sie für langes Leben stehen und man sein Leben ja nicht verkürzen möchte. Dazu haben wir ein Käsefondue und einen leckeren Tomaten-Gurkensalat gegessen. Die Kinder wurden danach wie üblich ins Bett gesteckt und wir Frauen haben dann über das Radio einer Live-Silvestershow gelauscht, in der sogar Enya aufgetreten ist. Genau die Enya, deren Lied „Only Time“ für die Trauer um den Einsturz des World Trade Centers im Fernsehen gespielt wurde.
Leider haben wir nicht bis Mitternacht gewartet und mit Sekt oder Wein angestoßen, da Azusa sehr müde war (ist sie meistens wegen der Kinder) und halb zehn ins Bett gegangen ist. Ich war dann noch bis Mitternacht wach, habe gelesen und mich dann ans Fenster gesetzt und darauf gewartet, bis es 0 Uhr war, um das Schlagen der Schreinglocken zu hören. 108-mal schlagen sie; für die 108 irdischen Sehnsüchte stehend, die dem Menschen angeblich Leid bereiten.
Der Neujahrsmorgen war dann verglichen mit dem Silvesterabend schöner. Wir haben traditionell Reiswein (酒 sake) zum Frühstück getrunken (die Kinder natürlich nicht), in Reisessig eingelegtes Gemüse (お膾 o-namasu) und die traditionelle Neujahrssuppe (お雑煮 o-zôni) gegessen, deren Zutaten regionabhängig variieren. Bei uns war alles in weiß-rot gehalten. Also weiß-rote Fischpastete (蒲鉾 kamaboko), weißer Reiskuchen (餅 mochi), weißes Hühnerfleisch, roter Lachsrogen (イクラ ikura) und Gemüse. Dazu haben wir Grüntee (お茶 o-cha) getrunken, bei dem man sich immer zweimal nachgießt, weil es sonst Unglück bringt.
Ab Neujahr benutzt man die extra käuflich zu erwerbenden Essstäbchen, die man bis zum 3.1. für das Essen der traditionellen Gerichte (御節料理 o-sechi-ryôri) verwendet. Man wäscht sie nicht ab (also immer gut mit dem Mund s
äubern). Außerdem darf man bis Mittag nichts schneiden, sonst bringt es auch Unglück. Sollte man also wirklich was schneiden, macht man das einen Abend vorher oder wartet bis Mittag.
Nach dem Frühstück sind wir in einen nahegelegenen Schrein gegangen. Den ersten Gang zum Schrein oder Tempel nennt man hatsumode (初詣). Schließlich wollte ich gerne sehen, was Japaner traditionell machen. Es gab viele Menschen, die dort die Glocke geläutet haben, um zu beten, dann wiederum welche, die an den Verkaufsständen süßen Reiswein (甘酒 amazake) gekauft haben (der echt fürchterlich schmeckt), und welche, die Glückspfeile gekauft haben. Auf dem Weg zum Tempel sind wir an vielen Häusern vorbeigekommen, die Neujahrsschmuck (門松 kadomatsu) an den Türen hatten. Sogar Autokennzeichen waren geschmückt. 
An den drei Neujahrsfeiertagen (1.-3. Januar) schreiben Japaner auch Unmengen von Neujahrskarten (年賀状 nengajô) an Verwandte, Freunde usw. und ich glaube, wir haben an einem Tag fast dreißig Karten auf einmal bekommen. Dieses Jahr ist das Jahr des Ochsen (うし ushi), darum sind auch jetzt viele Karten mit einem kleinen Ochsen bedruckt.
Zum Abendessen waren wir bei Azusas Eltern eingeladen. Höflich begrüßte man uns mit akemashite omedetô gozaimasu (あけましておめでとうございます ), was wörtlich so viel wie „das neue Jahr beginnt“, also „Frohes neues Jahr“ bedeutet. Wie schon zur Weihnachtsfeier hatten die Eltern alles Mögliche aufgetafelt. Es gab Sake, Krabbe (カニ kani), Schinken, in Miso eingelegtes Schweinefleisch, marinierten Lachs, gesüßte schwarze Bohnen (黒豆 kuromame), Shiitake-Pilz (シイタケ), Ginkgosamen (いちょう ichô), süßer Kartoffelbrei mit Esskastanien (栗金とん kurikinton) und eine klare Brühe (お吸い 物 o-suimono), die aus dem Küchenkraut Mitsuba (ミツバ), Tofu (豆腐), Yuba (ゆば), Seitan (麩), Jamswurzel (ヤマノイモ yamanoimo) und Somen (素麺 sômen) bestand. Ich hoffe, ich habe euch jetzt nicht alle mit den ganzen Kanji erschlagen. Ich war nur sehr fleißig und habe alles mit Hilfe meiner Gastmutter notiert, damit ich es nicht vergesse.
Am Ende war ich so vollgefuttert, dass ich am nächsten Morgen Magenkrämpfe hatte, aber wozu gibt es Kamillentee und Paracetamol? ^^