Weihnachtsurlaub in Schottland

Christmas holidays in Scotland

Anlässlich Weihnachtens und meines Geburtstages schenkte ich mir eine Schottlandreise. Ich buchte mir in Edinburgh ein günstiges Zimmer in einem Gasthaus nahe des Schlosses und erhoffte mir eine schöne Zeit.

23.12.
Mein Zug ging am Morgen von King’s Cross und erreichte gegen Mittag Edinburgh. Das Schöne an der Fahrt war, dass ich nicht umsteigen musste und es insgesamt nur vier Stunden dauerte. Ich hatte mich sehr auf diese Fahrt gefreut, da sie mich der typischen Harry-Potter-Reise näher brachte. Verglichen mit London war Edinburgh natürlich kälter, aber nicht allzu sehr. Vom Bahnhof lief ich etwa fünfzehn Minuten. In der Unterkunft angekommen, wechselte ich in ein anderes Zimmer, da mir das Hinterhofzimmer, das zwar ruhig war, einfach zu dunkel war. Schließlich goss es draußen in Strömen und das bisschen Licht war nicht genug, um gute Laune zu verbreiten. In meinem neuen Zimmer namens „Bluebell“ hatte ich ein großes Fenster, ein bequemes Bett, einen Kleiderschrank, einen Schreibtisch und ein Waschbecken, sowie den Blick zum Schloss. Sehr schön!
Ich erkundete noch ein wenig die Stadt und suchte mir ein Restaurant, bevor ich wieder zurückging und mir eine Bustour in die Lowlands von der Unterkunft aus buchen ließ.
Zu dieser Zeit war Großbritannien leider einigen sehr heftigen Wetterkapriolen ausgesetzt, sodass die Tour in die Highlands nicht angeboten wurde.
Am Abend lag ich dann in meinem Bett und realisierte, dass meine Dielen knarrten, wenn sich Leute im Nachbarzimmer bewegten. Das fand ich nicht so prickelnd, aber das kommt eben mit alten Häusern, die zu Gästehäusern umgebaut werden. Und gerade dieses Haus war einst das Wohnhaus des schottischen Schriftstellers Kenneth Grahame gewesen, der das berühmte Kinderbuch „Der Wind in den Weiden“ geschrieben hatte.

24.12.
Meine Bustour ging 9 Uhr los und steuerte sogleich Glasgow an. Das Wetter begann sonnig und kalt und in Glasgow machten wir einen kleinen Stopp und dann eine kurze Busrundreise, bevor es weiter zum Loch Lomond ging. Loch Lomond ist der größte See Großbritanniens. Hier stürmte es ganz schön, aber für Besucher war am Ufer ein Besucherzentrum errichtet worden, wo man Souveniere einkaufen konnte. Ich deckte mich hier mit Süßigkeiten ein und machte ein paar Fotos, bevor ich in den Bus zurückhechtete. Der Wind war wirklich nicht angenehm. Es gab recht viele Reisende auf dieser Tour in unserem Bus, die aus aller Herren Länder kamen. Ich war die einzige Deutsche und die Einzige aus London und Großbritannien. Aberfoyle war unser nächstes Ziel, ein kleiner Ort am Rande der Lowlands. Hier machten wir Mittagspause und ich kehrte in ein uriges Lokal ein, wo ich mir den Bauch vollschlug. Danach machte ich noch einen Abstecher in die Wollfabrik, wo man zu guten Preisen Kaschmir- und Wollprodukte erstehen konnte. Das, was ich jedoch wollte – einen Bettüberwurf – war einfach zu teuer.
Von hier fuhr der Bus in die Lowlands rein. Es folgte eine wunderschöne, atemberaubende und ergreifende Fahrt in die Natur Schottlands. Alle im Bus hielten den Atem an, als wir die Highlands in der Ferne mit schneebedeckten Wipfeln sehen konnten. Leider regnete es nun und die Fensterscheiben des Busses ermöglichten nur schlechte Bilder. Wir schlängelten uns über schmale Straßen die Hügel rauf und runter und machten einen Stop am Loch Achray, wo es zwei Hotels gibt, die sich aber so in die Landschaft schmiegen, dass sie kaum auffallen. So einige Leute haben dort ihre Häuser an die schönsten Ecken gestellt, dass man ins Schwärmen kommt.
Der letzte Stopp der Rundreise war ein Abstecher zum Stirling Castle. Es steht wie die meisten Burgen auf einem Berg, der über einem Fluss thront. Aufgrund dieser Lage wurde sie mehrmals belagert und angegriffen. Von 1100 bis 1685 war Stirling Castle Hauptresidenz der schottischen Könige. Die meisten Gebäude, die noch erhalten sind, stammen aus der Zeit von 1496 bis 1583, als das Schloss unter den schottischen Königen James IV., James V. und James VI. sowie unter der Witwe des Königs James V., Marie de Guise, markant ausgebaut wurde. Weiterhin wurde hier Mary Stewart – Tochter von James V., der wiederum Sohn von Margaret Tudor, der älteren Schwester Henry VIII. war – sechs Tage nach ihrer Geburt zur Königin gekrönt und ihr späterer Sohn James VI. getauft.
Die Rundfahrt endete in Sturm und Regen gegen 18 Uhr.

25.12.
Der 1. Weihnachtstag in Großbritannien ist wie in Deutschland ein Feiertag, wo weder Geschäfte, Museen oder Restaurants offen haben. Ich hatte mich ein wenig mit Essen eingedeckt, sodass ich nicht in Bedrängnis mit Hunger kam, und entschied mich lange auszuschlafen und die letzte halbe Stunde des Frühstücks im Speiseraum abzupassen. Aufgrund des Feiertags war das nämlich auch etwas später. Das Wetter sah sehr vielversprechend mit blauem Himmel aus, darum entschied ich mich, die leere Stadt zu erkunden. Meine Füße trugen mich weit in den Osten der Stadt, vorbei an wenigen geöffneten Restaurants (das erstaunte mich) und menschenleeren Gassen.
Ich entschied mich kurzerhand den 251m hohen Hausberg der Stadt – Arthur’s Seat – zu besteigen, was sich bald aufgrund des sehr frischen Windes als ungünstige Entscheidung erwies. Statt jedoch umzukehren, ging ich einfach weiter, jedoch nicht bis nach oben, sondern an der Windschattenseite des Berges vorbei, bis ich wieder in der Stadt war. Meine Füße qualmten danach.
Das chinesische Restaurant gegenüber meiner Pension hatte ebenfalls geöffnet und so nahm ich dort mein Abendessen ein, samt blauer Weihnachtskrone, die man aus einem Weihnachtsknallbonbons herauszog. Eine typisch englische Tradition.

26.12.
Der 2. Weihnachtstag ist zwar auch ein Feiertag in Großbritannien, allerdings haben die Geschäfte wieder auf. Ich entschied mich anlässlich meines Geburtstages für eine Stadtrundfahrt mit einem der Hop-on, Hop-off Busse, die es weltweit in den Metropolen gibt.

27.12.
Diesen Tag werde ich nicht so schnell vergessen, denn er wurde einer der verrücktesten, die ich je hier erlebt habe.
Seit den letzten zwei Wochen hatte es sehr schlechtes Wetter in ganz Großbritannien gegeben und auch in Schottland spürte man was davon. Meine Rückfahrt sollte gegen 11 Uhr vom Hauptbahnhof abgehen und mich innerhalb von etwa 4 Stunden nach London bringen, sodass ich gegen 16 Uhr in St. Pancras ankäme. So kam es aber nicht. Das Ganze lief TOTAL anders ab. Jetzt kann ich drüber lachen, weil es hinter mir liegt, aber zu der Zeit war es GAR NICHT lustig.

Am Anfang ging alles noch gut. Ich frühstückte gegen 8.30 Uhr und checkte halb 10 aus meinem Gasthaus aus. Das Wetter war nieselig und windig und kaaaalt. Wie man sich vorstellen kann, freute ich mich auf einen warmen Zug, wo ich 1. Klasse bezahlt hatte. Pünktlich fuhr er ab und ich hielt noch einen Schwatz mit meiner Mutter am Telefon, bis das Telefonat abrupt abbrach. Ich dachte mir nur so: „Fängt ja gut an.“
Um mir die Fahrzeit angenehm zu gestalten, holte ich mein Tablet raus und schaute mir die Zugreise im Internet an, nur um zu sehen, ob es Störungen gäbe, da man davor gewarnt hatte. Bis zu dem Moment war ich noch guter Dinge… bis sich die Website lud. Die Seite hätte nicht röter sein können mit Warnungen und sogleich hörten wir alle die Durchsage im Zug, dass aufgrund technischer Probleme wegen des stürmischen Wetters der Zug nur bis Carlisle führe und von da an nur noch Schienenersatzverkehr ginge. Carlisle liegt kurz hinter der schottischen Grenze und ist etwa 80min von Edinburgh entfernt. Wir waren natürlich nicht die einzigen Reisenden, die in Carlisle strandeten. Der Bahnhof war so was von überfüllt und keiner hatte eine Ahnung, wo der Schienenersatzverkehr abfahren sollte, da die Ausschilderung katastrophal bis nicht vorhanden war. Ausnutzend, dass ich so klein bin, drückte ich mich an zahlreichen Menschen mit meinem Koffer vorbei und schlug mich bis zu einer vielversprechenden Warteschlange durch, die sich als die richtige erwies. Nur schleppend wurde sie kürzer und als ich dann an Bahnhofspersonal herankam und fragen konnte, was los war, erfuhr ich, dass auf der Strecke zwischen Carlisle und Preston der Wind die Stromgleise zerrissen hatte und es somit keine Zugverbindung gab. Von Preston würden dann Züge nach London weitergehen.

Gut, das klang ja okay, denn es gab Busse, die uns nach Preston mitnahmen, was eine anderthalb Stunde weiter südlich lag. Letzendlich saß ich in einem Bus nach Preston. Ich will nie wieder in so einem Bus sitzen müssen, wenn es stürmt… jedenfalls so stark wie es an dem Tag stürmte und regnete. Ich will nicht übertreiben, aber als wir auf der Autobahn fuhren – nein, der Bus fuhr bei 45 km/h Wind nicht langsamer – schwankte der Bus ganz schön hin und her und das Abdeckdach über der Klimaanlage machte sich mit einem richtig lauten Knall selbstständig. Es flog nicht weg… aber fast. Auf jeden Fall klapperte es immer richtig laut und der Bus wurde kälter. Aufgrunddessen fuhren wir nur noch Schritt. Auf etwa der Hälfte der Strecke fuhr der Bus von der Autobahn runter und nach 10min kam ein Ersatzbus. Das war ja ganz gut, aber wir waren 54 Fahrgäste und der Ersatzbus hatte nur 41 Sitzplätze. Wie blöd war das denn organisiert? Als ich das mitbekam, sprang ich nur noch auf und kämpfte mich nach dem Motto „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“ zu dem anderen Bus vor. Ich schnappte mir meinen Koffer, stellte ihn eigenhändig in den anderen Kofferraum und ergatterte mir einen Sitz. Mir taten ein wenig die Mütter mit Kindern Leid, aber die hatten sich ganz hinten im ersten Bus hingesetzt, sodass ihnen das jetzt zum Verhängnis wurde. Ich sah in keiner Weise das Prinzip „Kinder und Frauen zuerst“ unter den anderen Fahrgästen. Hatte ich auch nicht erwartet. In dem Moment war sich jeder selbst der Nächste.

So fuhr der zweite Bus vollbesetzt weiter nach Preston, während die restlichen 13 (welch unglückliche Zahl) auf einen anderen Bus warteten. Mit reichlicher Verspätung kamen wir dann in Preston an, wo vor dem Bahnhof ein Buschaos herrschte. Der Anblick der überfüllten Bahnsteige und der Anzeigetafeln für die Züge verschlug mir den Atem. MENSCHENMASSEN ist untertrieben. Man muss ein Wort neu hierfür erfinden. Die Züge hatten nicht 30 min oder 45 min Verspätung, nein, es waren glatte 90–120 min oder mehr. Seufzend ließ ich mich auf meinem Koffer auf dem richtigen Bahnsteig nieder, wo es nach London gehen sollte, und überlegte, ob ich in der Lage wäre, gleich mit dem ersten einfahrenden Zug mitzukommen, da ich auf den zweiten nochmal so lange warten müsste. Glücklicherweise fuhr der Zug nach fünfzehn Minuten ein. Man kann hier leider nicht auf den Informationstafeln einsehen, wo die Spitze des Zuges bei welchem Abschnitt ist, daher rannte ich nur noch los, als ich sah, dass ich am falschen Ende des Bahnsteigs war.

Der Zug war brechend voll. Das hatte ich noch nie gesehen. Ich kam mir vor wie in Indien, nur dass keiner auf dem Dach saß, was dort ja üblich ist. Menschen drängten sich an die Türen, wollten die Aussteigenden gar nicht rauslassen – was dann in Schubsen und Drängeln und Meckern ausartete; interessant dass die Engländer das auch können – und irgendwo dazwischen schaffte ich durchzuschlüpfen und mir einen Platz auf der Toilette zu sichern. Ha! Geschafft! Alles Weitere war mir egal. Ich saß in einem Zug nach London und hatte einen Platz. Da war es auch egal, dass ich nicht 1. Klasse fahren konnte. Mich ärgerte nur, dass ich so viel Geld dafür bezahlt hatte und dann so was dabei herauskam.
Im weiteren Verlauf der Reise wurde der Zug etwas leerer und ich fand Platz im Waggon. Mit mehr als drei Stunden Verspätung kam ich gegen 19.45 Uhr in London an und war eine knappe Dreiviertelstunde später endlich zu Hause. Gott sei Dank! Jetzt hoffte ich nur noch, dass meine Weiterreise am nächsten Tag nach Deutschland besser ginge.

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Ein Kommentar zu “Weihnachtsurlaub in Schottland

  1. Wow, das ist ja völlig chaotisch gelaufen! Interessant zu hören, dass so was nicht nur bei der Deutschen Bahn passieren kann. ^^ Ich freu‘ mich für dich, dass du so viel von Großbritannien siehst – Neid! 😀

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