Nach Regen folgt Sonne

All bad things come to an end and good things start

Nun wohnte ich also in Dulwich, was sehr schön grün und dörflich wirkt. Allerdings dauerte es mit dem Zug etwa dreißig Minuten, um nach London reinzukommen und ich kam mir etwas am A… der Welt vor. Somit kam ich mit der Umstellung nur schwer zurecht. Ich wohnte nun mit den Eltern und den Jungs auf einer Etage (die Tochter hatte das Zimmer unter dem Dach bekommen, was ich so gern gehabt hätte, um meine Ruhe zu haben), sodass ich am Wochenende gar nicht mehr ausschlafen konnte, weil niemand die schreienden Kinder zurechtwies. Wie konnten sie da nur erwarten, dass ich immer guter Laune und fit bin? Schließlich bin ich auch nur ein Mensch und keine Supernanny.
Zu meinen Aufgaben gehörte es nun die Jungs morgens zur Kita zu bringen, und zwar mit einem Fahrrad, wo die Kinder vorn in einem Wagen drin saßen. Das ganze klang sehr aufregend und ich war gespannt darauf, die Kinder herumzufahren, weil ich auch gern Fahrrad fahre, aber auf Dauer wurde mir die ganze Sache einfach zu anstrengend, weil es in Dulwich recht hügelig ist. Von der Mutter erhielt ich hin und wieder Unterstützung, dass sie mir eines der Kinder abnahm, aber das machte sie auch nicht regelmäßig.
Außerdem stellte sich die Idee der Mutter, sich selbstständig zu machen, als Schnapsidee heraus. Sie bekam es einfach nicht hin, hängte die Sache an den Nagel und verbrachte die Tage damit ihre Fingernägel zu lackieren, Haare zu färben, Freunde einzuladen und im Internet rumzuhängen, auch wenn die Kinder da waren und sie ihre Liebe und Zuneigung wollten. Damit konnte ich nicht mehr umgehen und wollte es auch nicht.
Das Schreien und Meckern nahm merklich zu und ich war hauptsächlich damit beschäftigt, in der Gegend herumzukutschen, zu kochen und die Kinder zu versorgen. Ich kam mir vor, als sei ich die Mutter. Der Kleinste hatte sogar schon angefangen, meinen Namen nachts zu rufen, wenn er wach wurde.

An Pause war gar nicht mehr zu denken. Oft machte ich alles sehr schnell, um für mich eine halbe Stunde herausschlagen zu können, damit mir die Kraft für den Tag nicht schwand. Schließlich wurde es mir auch zu viel. Ich hatte zudem herausgefunden, dass ich unterbezahlt wurde und ich zu viele Stunden arbeitete. Es kam wie es also kommen musste.

Ich kündigte meiner Gastfamilie am 8. Oktober 2014 aus den oben genannten Gründen. Sie wünschten, dass ich nochmal drüber schlafe, aber ich war ziemlich felsenfest überzeugt.
Letzten Endes fand ich 12h Arbeit am Tag mit vielleicht 30min Pause plus 3x Babysitting in der Woche sehr anstrengend. £200/Woche war da echt ein Mickerlohn.

Ich suchte überall im Internet nach einem neuen Live-in Nanny Job (da ich noch nicht genug Geld für eine eigene Wohnung und somit Live-out hatte) und stolperte dabei über eine Anzeige, die mich mit einer Agentur in Verbindung brachte, anstatt mit einer Familie (wie ich eigentlich wollte). Ich mag keine Agenturen (wegen schlechter Erfahrung) und erzählte denen das auch, gab ihnen aber eine Chance. Sie nahmen meine Wünsche und Referenzen auf, wir skypten zusammen, damit sie mich kennenlernen konnten und dann suchte ich weiter im Internet. Ungefähr zwei Wochen später meldete sich die Agentur – ich hatte nur noch 10 Tage bis ich meine Gastfamilie verlassen musste – und die sagte mir, sie haben eine passende Familie mit drei Kindern gefunden. Eigentlich wollte ich keine drei Kinder (meine Erfahrung zeigte mir, dass es sehr anstrengend ist), aber die Agentur versicherte mir, dass das dritte Kind – ein Mädchen, 4 Jahre alt – tagsüber hauptsächlich in der Vorschule sei. Es gäbe nur die zwei anderen Kinder – Zwillingsjungs, 13 Monate alt – die ich betreuen sollte und es gäbe wohl noch eine zweite Nanny, mit der ich die Schicht teilen würde. Die Familie hatte einen jüdischen Hintergrund, lebte aber nicht nach den traditionellen und religiösen Regeln. Ich machte einen Vorstellungstermin aus und traf mich nach der Arbeit mit der Familie, die im Norden Londons lebte.

Das Interview verlief super! Die Familie wohnte in einem ähnlichen Haus wie ich in Hammersmith gewohnt hatte und im dritten Stock besaßen sie ein Zimmer mit Blick nach Süden über die ganze Stadt. Das war unglaublich. Die Kinder lernte ich beim Interview nicht kennen, weil sie schon schliefen.
So kam es, dass ich am 22. November Dulwich verließ und mit Sack und Pack im Taxi verstaut in den Norden zog. Ich war ziemlich unglücklich die Kinder zurückzulassen, aber ich fühlte mich einfach nicht mehr wohl. Zwei Jahre waren schon eine lange Zeit. Ich hab gesehen, wie sich der Kleinste vom Baby zum Kleinkind entwickelte und Laufen und Sprechen lernte. Für mich wird er immer „mein kleiner Liebling“ sein.

Ich brachte meine ganze Habe in Kartons – und das waren schon eine ganze Menge, die sich in zwei Jahren angesammelt hatten – zu einer Bekannten und zog nur mit zwei Koffern bei der neuen Familie ein. Schon zu Anfang stellte sich heraus, dass eins der Zwillingsjungs Schwierigkeiten mit mir hatte, womöglich weil er mit dem Wechsel nicht zurechtkam, aber ich machte das Beste draus. Meine Arbeitszeiten waren vier Stunden morgens und fünf Stunden nachmittags und dazwischen war die andere Nanny da, die auch bis sieben Uhr blieb. Ich kam sehr gut mit ihr aus und wir wurden ein prima Team. Ich bestand die Probezeit nach einer Woche und brachte meine Kartons von meiner Bekannten zu meiner neuen Adresse.

Unglücklicherweise erkrankte ich um den 28. November so sehr, dass ich mich nicht mehr in der Lage sah zu arbeiten, und fiel für drei Tage aus. Ich lag mit hohem Fieber im Bett und fühlte mich in meinem Zimmer ziemlich verloren, weil ich mit der Familie noch nicht so eng war und wirklich keiner mal vorbeikam, um zu sehen, wie es mir ging. Ich kroch mit Ach und Krach hin und wieder mal die Treppen rauf und runter, um mir was zu essen zu machen oder zu trinken zu holen. In dieser Zeit hab ich meine Familie und Freunde unglaublich vermisst. Ich hätte im Obergeschoss sterben können und keiner hätte es bemerkt. Na gut, ich übertreibe, aber zu dem Zeitpunkt fühlte ich mich echt so. Hinzu kamen Gewissensbisse, weil ich kurz nach der bestandenen Probezeit krank wurde, und ich in all der Zeit, die ich in London war, nie gewesen krank war.

Ich erholte mich schließlich wieder so weit, dass ich arbeiten konnte, musste dann aber drei Tage später erfahren, dass mich die Familie doch nicht übernehmen wollte, weil sie sah, dass sich ihr kleiner Junge immer noch nicht an mich gewöhnen wollte. Meiner Meinung nach hat er einfach nur gefremdelt, was in dem Alter typisch ist und sich mit der Zeit verwächst. Allerdings wollte die Mutter nicht im Januar auf Arbeit gehen und dann wissen, dass sich ihr Kleiner zu Hause die Augen nach ihr ausweint, weil er nicht mit mir zusammen sein will.
Nun kam die große Verzweiflung. Was machte ich jetzt? Am 21. Dezember wollte ich eigentlich nach Hause in den bereits geplanten Weihnachtsurlaub fahren und mich nicht nochmal mit Jobsuche rumplagen. Ich hielt natürlich meine Agentur auf dem Laufenden und hoffte sehr, dass sie mich nicht hängen ließ und sie mir eine neue Familie vermitteln konnte. Die war natürlich nicht erfreut, wie die Familie mit mir umging, da ich ja die Probezeit bestanden hatte, aber sie versicherte mir, dass ich nicht auf der Straße sitzen würde.

Die Familie entschuldigte sich bei mir und versicherten, ich könnte bis Anfang Januar im Haus bleiben, auch wenn sie am 10. Dezember in den Urlaub flögen. Das war dann mal ein netter Schachzug, allerdings wollte ich denen auch nicht so lange auf der Pelle sitzen.

Meine Bekannte ließ mich glatt sitzen, weil sie frisch umgezogen war und niemanden in ihrer neuen Wohnung wohnen lassen wollte. Sie hatte so einige blöde Ausreden, die mich echt verletzten, da ich ihr einst ausgeholfen hatte, als sie ein Dach über dem Kopf brauchte. Wahre Freunde bewähren sich wirklich in der Not. Sie ist keiner mehr davon.

Ich bangte recht lange, bis mir die Agentur mitteilte, dass sie eine potentielle Familie für mich hatten. Bis dahin hatte ich über eine Anzeige, die meine Chefin ins Internet gestellt hatte, schon so einige Interessenten am Handy gehabt, mir aber nicht zusagten.

Man stelle sich mal vor, da rief mich eine Frau mit vier Kindern an und ich sollte die Kinder und den Haushalt für einen Mickerlohn schmeißen. Der hab ich erstmal die Meinung gegeigt. Schulen und Kindergärten werden Unmengen an Geld für die Kinderbetreuung und Vermittlung von Wissen bezahlt, aber bei Nannys halten sich die Familien kurz oder was? Dabei machen Nannys dasselbe nur im Privathaushalt und bieten viel bessere Betreuung, weil man dem Kind 100% geben kann. Das kommt in der Schule oft zu kurz.

Vor meinem Interview mit der neuen Familie besuchte ich noch eine junge, jüdisch-orthodoxe Familie mit Baby und Kleinkind in Golders Green (Nordlondon), die mir aber mit ihrem streng religiösen Lebensstil nicht zusagten. Da war eine jüdische Nanny wohl einfach das Beste.

Schließlich traf ich die neue Familie zu einem Interview in der zweiten Dezemberwoche, wobei ich überrascht war, dass sie nur zehn Minuten von mir weg in Queen’s Park wohnten. Ich lernte die Mutter kennen – die Kinder waren schon im Bett und ihr Mann arbeiten – und war von der Größe des Hauses und den Annehmlichkeiten überrascht, die sich hier befanden. Da kann man wirklich sagen, dass sie reich waren. Mein erstes Gefühl war eher „Ich kann mir nicht vorstellen, hier zu leben, weil sie so wohlhabend sind“, jedoch verlief das Interview sehr gut. Nur 24 Stunden später teilte mir die Agentur mit, dass mich Vivien (Name aus Datenschutzgründen geändert) für eine Probezeit haben möchte, am besten gleich in der folgenden Woche (genau die letzte Woche vor meinem Urlaub). Ich war mir nicht sicher, ob ich die Familie überzeugen konnte, da ich Angst hatte, dass es wieder Schwierigkeiten mit den Kindern geben würde, aber ich absolvierte meine Probezeit mit Bravour und erfuhr schon am vierten Tag, dass man mich haben will. Die drei Kinder (19 Monate, 3 und 6 Jahre alt) waren recht willkommenheißend, auch wenn es natürlich die typischen Wutausbrüche der Dreijährigen gab. Das hatte dann nichts mit mir zu tun, weil sie es mit allen anderen auch machte. Viviens Ehemann Paul (Name geändert) war auch ein ganz netter Kerl und er überließ seiner Frau die ganze Organisation. Sie war sozusagen der Boss.
Letztendlich erhielt ich den Job, zog bei ihnen ein, und konnte fröhlich und glücklich in den Weihnachtsurlaub starten. Da fielen mir so einige Felsbrocken und Sorgen vom Herzen. Ich bin mir sicher, dass ich so krank geworden bin, war weil ich physisch und psychisch angeschlagen war.

Offiziell begann ich schließlich meinen neuen Job am 5. Januar 2015 und bin seitdem hier. Ich bekomme mehr Geld, arbeite weniger Stunden, hab 2-3 Stunden Pause am Tag und bin glücklich mit der Familie. Ich habe im Keller (dem sogenannten Basement) mein eigenes Apartment mit Küche, Bad und Schlafzimmer und auch wenn mich der Keller erst abschreckte, so dunkel ist es hier nicht. Und laut ist es erst recht nicht. Ich kann zwei Türen hinter mir schließen und da die Schlafzimmer der Eltern und Kinder über die erste und zweite Etage verteilt sind, hab ich am Wochenende Ruhe (okay, manchmal höre ich die Kids im Spielzimmer/Videoraum, was auch im Keller ist). Ich kann mich erholen und bin fit für meinen Job, was für mich das Wichtigste ist.
Rückblickend bin ich sehr froh, dass ich gekündigt habe und jetzt ein „neues Leben“ mit dieser Familie erleben werde. Hier wird nicht gebrüllt und die Eltern und ich sind im Einklang mit der Kindererziehung.

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Buckingham Palast und Umzug nach Dulwich

Buckingham Palace and move to Dulwich

Ende Juli kam mich meine Mutti wieder für zwei Wochen in Großbritannien besuchen und wie auch im letzten Jahr hatte ich viel organisiert, das wir unternehmen konnten. Ein großer Wunsch meiner Mum war es gewesen, den Buckingham Palast von innen zu sehen und da es nur einmal im Jahr im Sommer für zwei Monate die Möglichkeit gibt, dies zu tun, besorgte ich rechtzeitig zwei Eintrittskarten. Diese waren für einen bestimmten Tag zu einer bestimmten Zeit datiert und kamen schließlich am 27. Juli zum Einsatz. Ich kann jedem nur empfehlen, sich den Palast von innen anzusehen. Man bekommt einen Audioguide, der einem so einiges über die Geschichte des Palastes und seiner Bewohner erzählt.
Gleich danach besuchten wir auch die Royal Mews (Königliche Stallungen), wo die zahlreichen, königlichen Kutschen und Pferde untergebracht sind, was auch sehr interessant war.

Einige Tage später fand schließlich der Auszug aus der Wohnung in Hammersmith statt. Meine Gastfamilie hatte das Haus an einen reichen Chinesen für viel Geld verkauft und sich dafür ein Haus in Südlondon gemietet. So ganz mochte ich den Umzug nicht, weil mir Hammersmith ans Herz gewachsen war und ich von Südlondon wusste, dass man dort nicht so gut an die Innenstadt angebunden ist. Ich muss zugeben, dass ich etwas von der guten Anbindung verwöhnt war. Jedoch wollte ich das Abenteuer mitmachen und auch den Kindern bei der Umstellung helfen. So zogen wir schließlich nach Dulwich und meine Mum konnte das neue Haus kennenlernen und zwei Nächte dort schlafen, bevor wir unseren gemeinsamen Urlaub in Cornwall antraten.

Kleine Zusammenfassung

Small Summary

Zu meinen weiteren Besuchen Anfang März gehörten auch das Museum of Transport in Covent Garden, wo die ganze Geschichte (samt Ausstellungsstücken) des Londoner Nahverkehrs veranschaulicht wird, und die Dulwich Picture Gallery in Dulwich Village im Süden Londons, die 1817 eröffnet wurde.

Außerdem feierten die Iren weltweit am 17. März ihren St Patrick’s Day, wo ich zum Trafalgar Square ging, um mir das Festspektakel anzusehen. Es war eine große Bühne aufgebaut worden, wo Tänzer steppten oder Bands sangen. Viele Leute trugen grüne Kleeblätter an der Jacke oder grüne Hüte auf dem Kopf. Es war ein lustiger Haufen, obwohl es in Strömen geregnet hat. Die haben den Regen ziemlich gelassen genommen. Wahrscheinlich weil sie wechselhaftes Wetter gewöhnt sind. Und nebenbei gesagt, regnet es in Großbritannien nicht mehr als in Deutschland.

Der Frühling brach bei uns um den 6. April aus. Auf einmal wurde es sehr warm und es blühten die Pfirsichbäume und Narzissen auf. Was für eine wunderbare Einstimmung auf Ostern.

Zu Ostern kam mich meine Mutter besuchen, worüber ich mich sehr gefreut habe. Wir haben ein bisschen Sightseeing betrieben und eine Woche später uns schon wieder gesehen, als ich für eine Woche auf Heimaturlaub ging.